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Post aus Rwanda

Behindertensport in Rwanda

Behindertensport in Rwanda

Jonas Weyrosta, Volontär im Nationalen Behindertensportverband Rwandas, schildert, was es bedeutet, ohne Rollstuhlversorgung als Mensch mit Behinderung in einem wirtschaftlich schwachen Land zu leben und zeigt die Unterschiede im Umgang der Bevölkerung von Deutschland und Rwanda mit dem Thema Behinderung.

Während der Projekttage vom 11. – 13. November 2010 wird Jonas nach Helmstedt kommen und über seine Erlebnisse in Rwanda berichten und versuchen, uns ein Stück der Aufgeschlossenheit der Bevölkerung Rwandas für das Thema Behinderung näher zu bringen.

Sport für Menschen mit Behinderung in Rwanda

Im traumhaft schönen ‚Land der 1000 Hügel‘, gelegen im immergrünen Teil Ostafrikas, inmitten der Region der großen Seen (Viktoriasee, Kivusee, Tanganjikasee) spielt man Volleyball im Sitzen und das ziemlich erfolgreich.

Seit nun 9 Jahren arbeitet das Nationale Paralympische Komitee Rwandas (NPC Rwanda) für die Möglichkeit der Menschen mit Behinderung Sport zu treiben, in Schulen, in speziellen Förderzentren aber auch auf Augenhöhe mit dem internationalen Elitesport. Das Nationale Paralympische Komitee Rwandas, 2004 hervorgegangen aus der FERHANDIS (Federation Rwandaise Handisport),  nimmt mittlerweile eine Vorbildfunktion in Ostafrika ein, was den Kampf für die rechtliche Gleichstellung und die Umsetzung der  ‚UN Convention for People with a Disabiltity‘ angeht. Das NPC Rwanda arbeitet Hand in Hand mit anderen DPO’s (Disability Person Organisation) und der Regierung, sowie internationalen Partnern und Donors auf ein gemeinsames groβes Ziel hin: Sport ist for everyone!

Nun mag mancher behaupten, und liegt dabei auch zu großen Teilen richtig, das Thema Behinderung, die verbesserungswürdige Integration und Gleichstellung der Menschen mit Behinderung , ist weltweit Thema und leider noch immer kein Selbstverständnis. Doch in Rwanda besitzt dieses Thema eine besondere Präsenz, die Arbeit des NPC Rwanda gewinnt an Dimension, der Umgang und die Bewältigung der Vergangenheit.

1994 wurde das gesamte Land von einem grausamen und blutigem Völkermord erschüttert. Mehr als 800000 Menschen verloren ihr Leben. Tausende leben bis heute mit den Folgen, Trauma, Krankheit, Behinderung, Verlust von Freunden und Angehörigen. Nahezu jede ruandische Familie hat Verluste in den eigene Reihen zu beklagen. Die Macheten der rebellierenden Milizen hinterließen Spuren im Volk. Viele Menschen, die heute mit einer Behinderung leben sind mit diesen neuen Lebensumständen erst seit 16 Jahren oder kürzer konfrontiert, noch viele Jahre später verloren viele Menschen, v.a. Kinder Gliedmasen durch ungeräumte Landminen.

Liest man über Rwanda, hört man von Rwanda, ist es meistens nicht weit bis das Wort GENOZID fällt. Selbstverständlich ist dies ein Kapitel der Geschichte Rwandas das man nicht vergessen kann und darf, aber es ist beiweitem keine ausreichende Annäherung an dieses wunderbare Land, das ich durch meine Arbeit beim Nationalen Paralympischen Komitee kennenlernen durfte.

Meine ruandischen Kollegen, ihre Geschichte, ihr Arbeitswille und ihre scheinbar nie versagende Energie zeigte mir sehr schnell und deutlich, dass Rwanda intern schwer kämpft um über diese Stereotypen und die Verallgemeinerung herauszukommen. Man möchte international Aufsehen zu erregen und Interesse wecken, diesmal nicht mit Schreckensmeldungen sondern mit Erfreulichem, wie 2004 mit der ersten paralympischen Medaille für das afrikanische Land.  Jean de Dieu Nkundabera erlief den 3. Rang des 800m-Rennens in Athen.
Das NPC Rwanda versteht sich ein Stück weit als Eventorganisation. Unter der Woche arbeiten wir hauptsächlich darauf hin, Kampagnen und Events vorzubereiten, die an Wochenenden, über das gesamte Land verteilt, stattfinden. Im NPC Rwanda versteht man unter seiner Aufgabe mehr als die Betreuung des Para-Elitesports Rwandas, man will mehr erreichen.

„Während Kollegen aus Kenya und Tansania sich hauptsächlich um ihre erfolgreichsten Athleten kuemmern, verstehe ich mehr unter meinem Titel ‚President of NPC Rwanda‘, sagt Dominique BIZIMANA, NPC Präsident, nur nebenbei in einem Meeting.

Sport für Menschen mit Behinderung findet nicht nur an der gesellschaftlichen Spitze oder am Leistungszenit statt, die Arbeit des NPC Rwanda setzt vor allem an der Graswurzel an, immer darauf bedacht, sich eine breite Basis für die kommenden Jahre des Sportes zu sichern und möglichst viele Menschen zu erreichen. Mit Hilfe von Trainerlehrgängen, Aufklärung-und Sensibilisierungskampagnen reist das NPC Rwanda durchs Land und lehrt, lernt, spielt, trainiert, diskutiert und lauscht, den Kindern, den Lehrern, den Lokalpolitikern, allen Interessierten und Neugierigen, immer mit dem Bestreben nachhaltig Veränderungen und ein Umdenken zu bewirken.

Ich durfte viele dieser Events begleiten, daran teilnehmen und beobachten. Sehr schnell habe ich das Gefühl vermittelt bekommen, das die Wirkung der NPC-Arbeit  förmlich in den Augen der Kinder, die sich möglicherweise zum ersten Mal mit dem Thema Behinderung auseinandersetzen, ablesbar  ist. Wo anfänglich Unsicherheit, Irritation und Berührungsängste vorherrschen, entwickelt sich schnell riesiges  Interesse und genauso schnell ein  ganzer Fragenkatalog, sobald bemerkt wurde,
Ich kann Sport machen trotz einer Behinderung? Es gibt auch für mic im Rollstuhl Möglichkeiten sich auszutoben? Ihr setzt euch einfach auf den Boden um Volleyball zu spielen?
Es sind Fragen wie diese, die gestellt werden. Oftmals mangelt es nicht an Wille und Mut, sondern an Wissen und der Kenntnis über die zahlreichen Möglichkeiten des Sports für Menschen mit Behinderung. Vieles davon ist Neuland für RuanderInnen, speziell im ländlichen Raum. Die paralympische Bewegung steht noch in vielen Ländern Afrikas in den Startlöchern, was auch und v.a. auf einen Mangel an hochwertigen Materialien zurückzuführen ist. Ein Sport wie Sitzvolleyball benötigt Netz und Ball, ein Sport wie Rollstuhlbasketball/Rollstuhlrugby, benötigt spezielle, robuste Rollstühle. Athletische Para-Sportarten sind kaum zu meistern mit traditionellen Instrumenten Marke Eigenbau, ein Handfahrrad aus Stahl und Holz wiegt gut und gerne 40 KG, während sich die europäische Fahrradsportelite auf Carbonraedern fortbewegt, die 10 KG nicht überschreiten.
Mit diesem Mangel an Qualität hat auch Rwanda zu kämpfen, abhängig von vielen Donors and Partnern, ist man immer wieder darauf angewiesen, Anträge, Gesuche, Projektvorschläge an finanzielle Quellen zu schicken, stets in der Hoffnung mit deren Unterstützung eine neue Sportart vorantreiben zu können.

Boccia, Para-Fahrradrennsport, Gewichtheben und vieles mehr steht auf der Agenda 2012, vieles davon ohne baldige Aussicht auf Umsetzung. Kommen Rollstuhlgeschenke aus Europa, aus Deutschland, ist dies meist ungeeignet für Sport; oftmals sind es alte Krankenhausstühle. Rennrollstühle, Tri-Cycles sind selbst in Europa nahezu unbezahlbar, wie soll ein Land mit den finanziellen Mitteln Rwandas ohne eigene Fertigungsindustrie diese Summen stemmen? Nahezu unmöglich! Also fokussieren wir uns auf die „kleinen“ Sportarten, Boccia, Schwimmen und Gewichtheben.

Das NPC Rwanda arbeitet vollständig auf freiwilliger Basis. Ohne regelmäßiges Einkommen leisten 9 dauerhafte Volontäre, oft mehr als 10 Stunden täglich wichtige, anstrengende und aufreibende Arbeit, die nicht hoch genug geschätzt werden kann und leider viel zu selten Aufmerksamkeit findet.

Rwanda, das Land, das seit Jahren ein enormes Wirtschaftswachstum verzeichnet und unter den großen Visionen des Präsidenten Paul Kagame, viel Fortschritt und Innovation erlebt, die sich leider zu größten Teilen auf die Hauptstadt Kigalis beziehen, konnte aus dem furchbaren Kreislauf aus Armut und Behinderung noch nicht austreten,was sich noch immer an vielen Polio-erkrankten Kindern zeigt.

Doch durch Engagment und Wille wie der des NPC Rwandas rückt man diesem Ende Stück für Stück näher, immer eine Zukunft im Blick, in der auch Menschen mit Behinderung ihren würdigen Platz in der Gesellschaft gefunden haben, nicht nur im Sport.

Jonas Weyrosta

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